Entstehung

Geschichte Neuwirtshaussiedlung

Schon die alten Römer legten den Grundstein für unsere Siedlung. Um 74 nach Christus unter Kaiser Vespasian wurde das obere Neckargebiet von den Römern besetzt. Um eine kürzere Verbindung für die Truppenbewegungen von der Donau zum Rhein zu erhalten, wurde die wichtige Römerstraße von Augsburg über Plochingen, Cannstatt, Schwieberdingen, Stettfeld, Heidelberg nach Mainz gebaut. Diese Strecke entspricht heute in etwa der Bundesstraße 10. Und mit ein wenig Fantasie kann man sich gut eine Poststation oder ein Rasthaus in Höhe von Neuwirtshaus vorstellen.
Das neue Wirthshaus an der Elbenstraße wird schon im Jahr 1621 in den Kirchenbüchern von Stammheim genannt und die Benennung „Elbenstraße“ kommt noch viel früher vor: schon im Jahr 1480 beschwerten sich die Landfahrer über die Straße an den Elbenen wegen Fängniß und Beraubung. Herzog Eberhard beschloß daher, „dass diese Straße, die für die Elbenen und für Schwieberdingen gangen ist, nun fürohin für unser Stadt Gröningen gehen soll“ (also vom zu gefährlichen Neuwirtshaus weg nach Nordosten in Richtung Markgröningen verlegt werden soll).
Die Gebäude trugen schon zur Zeit der Erwerbung für die Kammerschreiberei (1737) die doppelte Bezeichnung „Herberg an der Elbenstraße“ und „das neue Wirthshaus“. Der Name „neues Wirthshaus“ wird wohl daher rühren, weil zur Zeit seiner Erbauung schon eine „Herberge“ im Ort bestand. Und von diesem „Neuen Wirthshaus“ hat die Siedlung Neuwirtshaus ihren Namen erhalten.

Die katastrophale Wirtschaftslage Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts veranlasste die damalige Reichsregierung, Mittel für die Anlage sogenannter Stadtrandsiedlungen zur Verfügung zu stellen.
So entstanden dann im Raum Stuttgart nacheinander zuerst die Hoffeldsiedlung in Degerloch, die Steinhaldenfeldsiedlung bei Bad Cannstatt, unsere Neuwirtshaussiedlung und schlussendlich die Wolfbuschsiedlung bei Weilimdorf.
Die Auswahl der Siedleranwärter vollzog sich nach strengen Maßstäben. Nach erfolgter Auswahl traten die Anwärter einen weiten Anmarschweg in öde Leere an. In der errichteten Baukantine lag ein Plan auf, anhand dessen die zukünftigen Siedler sehen konnten, wie sich die Siedlung gestalten sollte. An Gerätschaften standen zunächst nur Spaten, Schaufel und Schubkarre zur Verfügung.
Nach handwerksmäßigen Gruppeneinteilungen begann die teils ungewohnte und schwere Arbeit. Der Beton musste zunächst von Hand gemischt, die Steine zuerst im Steinbruch geschlagen werden. Alles vollzog sich in Eigenarbeit. Trotz dieser harten Arbeitsbedingungen herrschte auf den Baustellen Arbeitswille und Hilfsbereitschaft. Stärker als es finanzielle Leistungen vermögen, begründete die „Muskelhypothek“ der persönlichen Mithilfe bei den Bauarbeiten eine innere Verbundenheit der Erwerbslosen mit der Siedlung als ganzer.

Als die Häuser straßenweise im Rohbau fertig wurden, begann die Verlosung derselben unter den Siedlern. Ab Sommer 1934 konnte stufenweise der Einzug in die Siedlungshäuser beginnen. Es war ein Einzug mit Hindernissen, denn die Wege zu den Häusern waren im besten Falle Feldwege. Oft sah man in dieser Zeit einen Lastwagen mit waghalsigem Schwung durch das Gelände brausen und mancher Einzug war mit einem gefährlichen „Steckenbleiben“ des Wagens verbunden. Von einer sogenannten Schlüsselfertigkeit konnte man auch nicht sprechen, der Innenausbau blieb dem Einzelnen überlassen. Nun richtete man sich in seinen „4 Wänden“ nacheinander ein und begann auch die 8 Ar Land, die zu jeder Siedlerstelle gehörten, zu bearbeiten. Spaten und Pickel konnte man noch nicht an den Nagel hängen: Sämtliche Kanalisationsarbeiten vom Haus aus durch die Vorgärten und unter der zukünftigen Straße mussten von der betreffenden Siedlerfamilie selbst gegraben werden.
Die Trägerschaft der Siedlung lag von Anfang an in den Händen der Stuttgarter Siedlungsgesellschaft. Die Betreuung der Siedler in fachlicher Beziehung war Sache des Deutschen Siedlerbunds und des Gartenbauamts Stuttgart
Neben Fachvorträgen und praktischen Anleitungen (nur wenige Siedlerfamilien besaßen gärtnerische oder landwirtschaftliche Kenntnisse) erhielten die Siedler von dem Siedlungsträger Werkzeuge für den Gartenbau, wie Spaten, Schaufel, Rechen usw. und ein kleines „grünes Inventar“, bestehend aus 5 Bäumchen, verschiedenen Sträuchern und Stauden. So entstanden schon in kurzer Zeit sehr schöne Gärten um die Siedlungshäuser.
Wir dürfen heute wie damals sagen: Die Siedler sind für die Möglichkeit, die sie erhielten , sich ein Häuschen zu bauen, dankbar, jedoch von einem „Geschenk“ zu sprechen, wie das heute mancherorts üblich ist, kann infolge der großen Belastungen, die sie auf sich nahmen, nicht die Rede sein.
Im Jahr 1933 unter der Regierungszeit des Dritten Reichs wurde erwähnter Deutscher Siedlerbund ins Leben gerufen. Als er bestand, machte eine Verordnung des damaligen Reichsministers es jedem deutschen Siedler zur Pflicht, Mitglied des Deutschen Siedlerbundes zu werden. Als Teil dieser Organisation bildete sich die Siedlergemeinschaft Neuwirtshaus. Ihre feste Grundlage hat sie seitdem in der ideellen und materiellen Gemeinsamkeit der Siedler. Im Jahr 1938 erhielt die Siedlung dann noch ein Gemeinschaftszentrum, das „Volksheim“ genannt, in dem der Kindergarten, ein Polizeiposten, eine Arztstelle, verschiedene Räumlichkeiten für Veranstaltungen und ein Selbstbedienungsladen, der „Konsum“, untergebracht waren. Heute befindet sich im „Volksheim“ neben der Kindertagesstätte noch eine Arztpraxis, verschiedene Mietwohnungen und das Büro der Siedlergemeinschaft.
In den ersten Jahren mussten die Kinder bis zum Ortskern nach Zuffenhausen zur Schule laufen! Am 17.10.1939 war es dann soweit, dass die Neuwirtshausschule ihrer Bestimmung übergeben werden konnte und wenigstens zunächst die ersten vier Klassen ihren Unterricht in der neuen Schule erhielten.
Für die evangelische Kirchengemeinde war das Jahr 1938 sehr erfreulich, denn nun wurde die Michaelskirche, die den Charakter des Marktplatzes weitgehend bestimmt, gebaut.
Die nun folgenden Kriegsjahre ließen unsere Siedlerfamilien nicht verschont. Durch Bombenangriffe wurden elf Häuser vollständig zerstört, in vielen Häusern entstanden Schäden. Mehrere Tote waren bei diesen Angriffen zu beklagen. Kameradschaftlicher und willensstarker Einsatz einer Reihe von Siedlern brachte oft Hilfe in verzweifelten Situationen. Eine Reihe Väter und Söhne behielt der unselige Krieg für sich, sie kehrten nicht mehr zurück. Ihnen gebührt an dieser Stelle unser Gedenken. Die Toten und Gefallenen sind namentlich auf unserer Gedenktafel an der Wand der Michaelskirche genannt.
Der Bunker unter dem Marktplatz hat in diesen Tagen vielen Menschen das Leben gerettet. Vielen von uns ist er noch in lebhafter Erinnerung. Immer wieder gelingt es, auch in der heutigen Zeit eine Bunkerführung durchzuführen. Diese ist nicht nur für die älteren Mitbewohner interessant, nein, gelebte Geschichte ist vor allem für die jüngeren von uns wichtig !
Nach dem totalen Krieg stand der totale Zusammenbruch: Eine nach Kriegsende bevorstehende Besetzung unserer Häuser durch alliierte Truppen konnte in letzter Minute teilweise abgewendet werden. Nur die Bewohner der Borkumstraße mussten ihre Häuser für neun Monate verlassen.
Ab dem Jahre 1946 gingen die Siedler daran, die Nachkriegsjahre neu zu gestalten. Es fand die erste Siedlerversammlung statt, aus der für kurze Zeit Gustav Bolm als 1. Vorstand hervorging. Von 1946 bis 1950 war Alois Schaad 1. Vorstand der Siedlergemeinschaft, die sich der inzwischen auf freiwilliger Basis geschaffenen Landesorganisation der Siedler und Kleingärtner anschloss. Im Jahr 1950 wurde Otto Ebner der 1. Vorstand, der allerdings aus gesundheitlichen Gründen bereits 1952 sein Amt an Eduard Renz abgab. Auch dieser legte aus gesundheitlichen Gründen 1954 sein Amt nieder. Otto Ebner übernahm es wieder bis 1960 Kurt Heyschmidt 1. Vorstand der Siedlergemeinschaft wurde. Von 1970 bis März 1996 hatte dieses Amt Helmut Walz inne, der leider im März 1996 verstarb. Helmut Walz prägte Neuwirtshaus auf besondere Weise, vor allem in der sich immer schneller entwickelnden Zeit mit all ihren besonderen Problemen wie wachsende Verkehrsprobleme, Weiterführung der Erbpacht oder immer wieder Ärger mit Wohnraumverdichtung.